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 Sabine Doht
Einwohnerschwund – und das böse Ende in Sicht von Jens Voigt
Freies Wort - Suhl, 19.11.2007
Zitat:
Der Wissenschaftler Herwig Birg mahnt im Landtag eine Revolution an für den Umgang mit Überalterung und Bevölkerungsrückgang
Von Redaktionsmitglied Jens Voigt

Erfurt – Gut 40 Jahre Erfahrung als wissenschaftlicher Rufer in der politischen Wüste haben Herwig Birg zum Fatalisten in Sachen demografischer Wandel gemacht. „Die Politik reagiert wahrscheinlich erst, wenn sie kein Volk mehr zum Regieren hat“, befürchtet der Bielefelder Forscher, „vorher passiert ja doch nichts.“

Jedenfalls nicht das, was Birg für notwendig hält. Nichts weniger als eine „saftige Revolution“ der ganzen Gesellschaft brauche es, um die Lawine aus Bevölkerungsschwund, Überalterung und Abwanderung aufzuhalten, findet der 68-Jährige. Im Thüringer Landtag aber findet man Revolutionen im wesentlichen nur nett, wenn sie entweder längst vorbei sind oder richtig weit weg stattfinden. Zur Vortragsveranstaltung der SPD-Landtagsfraktion ätzt deshalb wohl auch ein Herr aus dem Publikum, die Seriosität des Vortragenden sei doch zweifelhaft, wenn der Herr Professor Vorstellungen vertrete, mit denen „der Bolschewismus“ schon krachend gescheitert sei.

Im freien Fall

Birg schüttelt das Gelehrtenhaupt. Er kennt das zur Genüge. Das Ausweichen auf Nebenschauplätze, die ideologische Spiegelfechterei, das absichtsvolle Missverstehen. Den Vorwurf, demografische Prognosen seien Kaffeesatzleserei. Dabei haben Dutzende Studien erwiesen, dass die Abweichung etwa bei Zehn-Jahres-Voraussagen nur bei 0,6 Promille liegt. „Demografie ist Mathematik, nichts als Mathematik“, betont Birg und meint: Politik kann daran so wenig deuteln wie am Erfurter Herbstwetter. Was sie indes kaum davon abhält, Bevölkerungsentwicklung entweder fröhlich zu ignorieren, wie weiland ein Thüringer Ministerpräsident. Der hielt Prognosen über 2020 hinaus schon mal öffentlich für Mumpitz, weil sie nicht die „hervorragende Familienpolitik“ berücksichtigten, die seiner Partei demnächst entspränge.

Oder aber die andere Variante des Verweigerns: Man denunziert Debatten um Zukunftsprobleme als Davonrennen aus der Gegenwart. Steffen Lemme, Thüringens DGB-Chef, wollte möglicherweise nur provozieren, als er meinte, „katastrophale Demografen“ würden einer Politik Munition liefern, die heute Zehntausende ohne Ausbildung lasse und lieber über den drohenden Fachkräftemangel morgen räsoniere. Vielleicht hätte Lemme einfach Birgs Vortrag zuhören sollen. Dann könnte er zumindest ahnen, dass sich ausreichende Lehrstellen von 2007 auf die Thüringer Bevölkerung von 2050 in etwa so auswirken wie ein Fass Öl an der Meeresoberfläche auf eine anschwellende Tsunamiwelle.

Denn der demografische Wandel in Deutschland, so Birg, habe schon mit den Sozialreformen Bismarcks begonnen. „Seitdem können die Menschen darauf vertrauen, dass eine Altersvorsorge auch ohne eigene Kinder funktioniert.“ Nichts, weder Weltkrieg noch Weltwirtschaftskrise hätten den Geburten-Schalter derart nachdrücklich umgelegt. Bevölkerungs- und Geburtentrend entkoppelten sich, bis sie gut einhundert Jahre später wieder aufeinander trafen – allerdings im freien Fall. An dieser Stelle tippt Birg auf sein Diagramm: „Seit 1972 übersteigen die Sterbe- die Geburtenzahlen. Deutschland ist in die Schrumpfungsphase eingetreten.“

2,13 Geburten je Frau wären zum „Bestandserhalt“ nötig. Was die Geburtenrate betrifft, ist die deutsche Einheit längst vollzogen – Ost und West pendeln um 1,3 Kinder je Mutter. Bei freilich erheblichen regionalen Unterschieden. Die durchschnittliche Suhlerin nämlich schenkt statistisch nur noch 0,8 Kindern das Leben – absoluter Tiefstwert unter allen Stadt- und Landkreisen.

Die simple Erfahrung laut Birg: „Je mehr sich ein Land eigentlich Kinder leisten könnte, desto weniger machen die Menschen dabei mit.“

So schreitet Thüringen auf nur noch knapp 1,5 Millionen Bewohner im Jahr 2050 zu, die Bundesrepublik insgesamt auf 50 bis 60 Millionen zum Ende des Jahrhunderts. Günstigstenfalls, sagt Birg, denn dafür müsste die Zuwanderung, die jetzt schon über den Geburten liegt, stabil anhalten. Tut sie es nicht, hätte der Deutsche der Zukunft viel Platz. Im schlimmsten Fall würden sich nur noch 24 Millionen zwischen Zugspitze und Rügen bewegen.

Das allerdings eher langsam. Die Lebenserwartung – seit 1860 schon mehr als verdoppelt – steigt weiter. Sabine Doht von der SPD-Fraktion, die das Streitgespräch moderiert, wird, Gesundheit vorausgesetzt, 2050 zur kopfstärksten Altersgruppe in Deutschland gehören – nämlich zu den Frauen über 90 Jahre. Und mehr als jeder Dritte im ganzen Land wird dann Rente beziehen. Falls es die noch gibt.

Mut zur Utopie

Sicher ist das nicht, meint Birg. Denn die Alters-Last könnte, falls nicht massiv umgesteuert wird, wie eine Vollbremsung wirken. Selbst wenn sich die Produktivität der Unternehmen bis dahin noch einmal verdoppelt, stiege das Sozialprodukt nur um 34 Prozent – zu wenig, um den heutigen Staat mit all seinen Leistungen halten zu können. Die auch in der Politik verbreitete Vorstellung, mit den gesparten Schulen oder Kindergärten die Mehrkosten für Gesundheit und Altersheime decken zu können, geht nach Birgs Berechnungen leider auch fehl: „Der Jugendquotient fällt nicht so schnell wie der Altersquotient steigt – es gibt keine demografische Dividende.“

Die größte Herausforderung sieht der Forscher im Auseinanderdriften der Regionen. Während München oder Stuttgart auch in vierzig Jahren noch wachsen und auch relativ junge Menschen beherbergen würden, drehe sich besonders in den „Verlierer-Regionen“ Ostdeutschlands die ökonomisch-demografische Abwärtsspirale. „Mecklenburg-Vorpommern hat schon nicht mehr die Kraft, das aufzuhalten“, sagt Birg beim Wein nach dem Disput, „das Land läuft aus“.

Wer den freundlichen älteren Herrn lässt, dem zerlegt er gern ein paar Gewissheiten. Etwa die, dass es irgendeinen Zusammenhang gibt zwischen Frauen-Erwerbstätigkeit und Geburtenzahl. „Nicht zu belegen“, kommentiert Birg. Bessere Kinderbetreuung? „Reicht allein nicht, sonst müssten Sie hier im Osten mehr Geburten haben.“

All die Herdprämien, Frauenbeauftragten und Ausbildungs-Offensiven kratzen nur an der Oberfläche, so sagen es ihm die nackten Zahlen. Es geht, wenn etwas gehen soll, nur mit einer Revolution: Nicht schwarz, rot oder grün, sondern durch Umpolen der Gesellschaft. „Wir müssen weg von der Dominanz des Wirtschaftlichen, hin zu einer Ordnung, die Menschen und Familie in den Mittelpunkt stellt.“ – Ein utopisch anmutender Entwurf, Birg weiß das. Für die Pragmatiker hat er deshalb einen kleinen Vorschlag mitgebracht: Wie in Frankreich, so sollten auch in Deutschland Eltern per Gesetz Vorrang bei der Job-Vergabe bekommen.

Es gibt keine Reaktion darauf an diesem Abend in Thüringens Landtag, und die Revolution bleibt nur ein Wort zum höflichen Smalltalk am Büfett. Man hat sich ein bisschen gegruselt beim Blick in den Abgrund. Man hat auch mal gnädig genickt, wenn es im Vortrag so klang, als würde er ganz gut ins eigene Parteiprogramm passen.

Eine Prise Demografie zum parlamentarischen Feierabend, gern doch. Wie ernst die Thüringer Politik sein Fach nimmt, der Professor hat da so seine Erfahrungen. Vor Wiedergründung der Erfurter Universität war er schon einmal hier, man wollte seinen Rat für den Aufbau von gleich drei demografischen Lehrstühlen in der Landeshauptstadt.

Bis heute gibt es keinen.

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